Dieser Reisebericht soll einen kleinen Lichtblick in vergangene Zeiten geben, aber auch die Hoffnung auf wieder bessere Zeiten lenken. Da Flugreisen zurzeit ohnehin geschmäht sind, empfehlen wir eine individuelle Reise – folgen Sie uns mit an die pommersche Ostseeküste nach Stolpmünde (Ustka)!

Durch das jahreszeitliche fast hochsommerliche Klima war es in Stolpmünde möglich, sich ohne Maske und sonstiger Einschränkungen frei und ungehindert zu bewegen. Für unsere kleine Truppe aus dem Landkreis Wittenberg war es zwar nur ein kurzer „Urlaub“ von vier Tagen, der aber sehr intensiv für die Beobachtungen der Menschen, der Natur, aber auch der Hinterlassenschaften der einstmaligen Bevölkerung genutzt wurde. Davon zeugen Text und einige Bilder – Hinweise auf „weiße Flecken“ sind natürlich auch bei dieser Reise beabsichtigt …

Bei bestem Wetter erwartete uns im August nun also Stolpmünde. Die Unterkunft wart schnell gefunden und kann auch mit einem direkten Parkplatz aufwarten. Ach ja, wer sich hervorragend betten und zudem noch mit eigenem Café den Tag versüßen möchte, ist in der Unterkunft Mistral direkt neben der Touristinformation sehr gut aufgehoben. Sehr zu empfehlen ist übrigens das dort selbst hergestellte Konfekt – welches als “Kuhbonbons” verkauft wird.
Nach einer ersten rustikalen und schmackhaften Stärkung im Restaurant Speicher, direkt an der Hafenmole gelegen, ging es an eine erste kurze Erkundung des Umfeldes. Wobei „erste“ Erkundung nicht ganz stimmt, denn einige Mitreisende der diesjährigen Tour waren schon am 1. Januar 2017 vor Ort und haben in einem historischen Gebäude – der sogenannten Villa Red – übernachtet, dazu aber später mehr.

Früher nur ein Fischdorf, dann Hafenstadt und staatlich anerkannter Kurort. Die Entstehungsgeschichte der Stadt aber auch Informationen zu tragischen Ereignissen (wie dem am 30. Januar 1945 ca. 23 Seemeilen vor der Küste von Stolpmünde durch das sowjetische U-Boot S-13 versenkten ehemaligen Passagierschiff Wilhelm Gustloff) kann durchaus (noch) neutral bei Wikipedia erlesen werden.

Erstmalig schriftlich erwähnt wurde Stolpmünde im Jahre 1337. Dann brauchte es zwei Jahrhunderte, bis sich aus dem kleinen Fischerdorf ein gut funktionierender Hafen entwickelte. Die Verlademenge übertraf sogar im 15. Jahrhundert die naheliegenden Häfen Rügenwalde und Kolberg! Durch Krieg gegen die Schweden im 17. Jahrhundert, aber auch durch einen großen Sturm im Jahre 1690 wurden die Hafenanlagen vollständig zerstört.

Erst durch Preußen fand von 1863 bis 1904 eine umfassende Modernisierung statt. Damit setzte auch der Aufschwung als Seebad ein. Ein Warmwasserbad wurde im Jahre 1911 errichtet. Das große Kurhaus, Villenviertel und mehrere Badehäuser schlossen sich an und damit war Stolpmünde „eine Perle der Natur und Oase der Ruhe ohne billigen Kitsch.“

Die älteren Gebäude direkt am Hafen lassen hier noch auf Speicher schließen, die heute gut geführte Restaurants und Hotels beinhalten. Direkt gegenüber findet man noch Reste von Industriebauten in der typischen Betonarchitektur als auch ältere Gebäude, die zu den ursprünglichen Hafenanlagen gezählt werden dürfen.

Ustka wurde in den Zeiten der “polnischen Verwaltung” (so Wikipedia!) nach 1945 zu einem Kohleausfuhrhafen und Werftenstandort. Doch woher stammt eigentlich der polnische Name für Stolpmünde? Die Touristinformation vom Tourismusverband „Ustka I Ziemia Slupska“ in der Ausgabe 1/2019 gibt dazu wie folgt Auskunft: “Der deutsche Name Stolpmünde heißt übersetzt “Ujście Słupii”. Die Mündung eines Flusses bedeutet “Ujście”, aber das polnische Wort Usta bedeutet rückübersetzt der Mund. Es ist daher wahrscheinlich, dass der heutige Name Ustka durch diese lexikalische Nähe entstanden ist.”

Aus Richtung Hafenmole gesehen begrüßt einem der Leuchtturm sowie am östlichen Pier die Skulptur des Wappenmädchens vom heutigen Ustka: die Meerjungfrau. Im Hintergrund ist der feine Sandstrand zu sehen, der sich übrigens beidseitig vom Hafen finden lässt.

Um auf die andere Seite des Hafens zu gelangen, wurde 2013 eine Drehbrücke für Fußgänger errichtet. Über diese erreicht man nicht nur die Hafenanlagen, sondern auch einen ehemaligen militärischen Bereich: Flakstellungen der Luftwaffe mit einer größeren Bunkeranlage. Heute ist der Blücher Bunker übrigens ein Museum, welches neben der Geschichte mit zusätzlichen Attraktionen aufwartet.

Es folgte ein Rundgang durch die Fußgängerzonen mit einem Abstecher zur Erlöserkirche. Diese entstand auf einer Düne (damals noch außerhalb des Fischerdorfs Stolpmünde) im Zeitraum von 1885 bis 1888. Alkohol ist zwar nicht auf den öffentlichen Plätzen verboten, jedoch sollte man im Umfeld von Kirchen davon Abstand nehmen.


Neben mehreren Galerien (besonders zu erwähnen wäre hier die Baltische Galerie für Zeitgenössische Kunst die in einem ehemaligen Kornspeicher untergebracht ist) gibt es auch noch ein Brotmuseum sowie verschiedene gemütliche Fachwerkhäuser. Auch die zeitgenössische Kunst ist nicht nur an den beiden gezeigten Fassaden zu finden.


Nach dem Rundgang ging es dann noch zu einer kleinen Erkundung der strandnahen Villen – unter anderem der eingangs erwähnten Villa Red.
Dazu scheint man allerdings in der bereits oben erwähnten Ausgabe des Tourismusverbandes keine Hinweise nötig zu haben. Die Rote Villa ist nämlich kein gewöhnliches Gebäude, sondern wurde für Otto von Bismarck im Jahre 1886 als stattliche Sommerresidenz in Strandnähe errichtet.

Heute ein Hotel mit Restaurant, wo man gut speisen kann; auch die flüssigen Gerichte sind sehr zu empfehlen! Das Bild mit der Möwe ist übrigens kein gestelltes Bild – die Möwe war keine Skulptur, sondern war sehr lebendig mit ihren Artgenossen im Umkreis der Tische unterwegs …

Natürlich ist auch für die junge Generation gesorgt – direkt auf dem Strand gibt es eine Strandbar mit mehreren Tanzflächen. Wer es vertragen kann, dem sei neben Bier auch der eine oder andere Cocktail oder ein anderes “Wässerchen” empfohlen, schöne Aussichten inclusive …

Der zweite Tag begann für einige Reisende zwar etwas zu früh, jedoch blieb bei diesen Aussichten nicht viel übrig als sich dem Tross anzuschließen. Nach einer kurzen Stippvisite am Leuchtturm ging es über die Drehbrücke zum Blücher Bunker.

Die Luftwaffe baute westlich des Hafens eine Flak-Batterie für 105 mm Geschütze, die unterirdisch über Bunkeranlagen miteinander verbunden waren. Gut an die 50 Mann Besatzung konnten dort ihren Dienst verrichten, was heute sehr anschaulich dokumentiert wird.

Das Ostseemagazin gibt dazu folgende Auskunft: “Laut geschichtlichen Veröffentlichungen, befand sich am Westufer von Ustka, im 19. Jahrhundert, eine Badeanstalt für Männer. Auf diesem Gelände und in den Dünenhügeln errichtete die Deutschen Wehrmacht eine gut getarnte FLAK. (FLAK = Flugabwehrkanonen) mit dem Namen Blücher-Batterie. Sie wurde 1942 erbaut und besaß auch einen extra Munitionsbunker. Heute sind davon noch 4 runde Fundamente zu sehen, wo die FLAK’s montiert waren. Weiterhin gibt es noch vier Geschützbunker, die alte Feuerleitzentrale und ein Maschinenraum mit Stromaggregat, die zur Besichtigung erhalten geblieben sind.”


Im Bunker wird an den Untergang der Wilhelm Gustloff gedacht. Selbst bei Wikipedia ist man sich dessen bewusst, das bereits erwähnte Touristeninformationsheft schweigt sich darüber aus. Auch wenn die genaue Anzahl sich wohl nie aufklären lässt, konnten von den bis zu 10.000 Menschen an Bord nur 1239 gerettet werden. Es blieb allerdings nicht nur bei der Wilhelm Gustloff, auch die Steuben wurde vom selben U-Boot vor Stolpmünde in der Nacht vom 9. auf den 10. Februar 1945 versenkt und nahm zwischen 1100 und 4200 Menschen mit in den eisigen Tod. 

Anschließend ging es nach der Besichtigung der Bunkeranlagen in etwas gedrückter Stimmung, was nicht nur auf das Wetter und die „gute“ Luft im Bunker zurückzuführen war, wieder auf die andere Hafenseite – auf das „Piratenschiff“. Eine kleine Strecke außerhalb des Hafens rundete den Tag dann auch ab.

Am dritten Tag erwartete uns bei gefühlten 35 °C eine Wanderung durch eine Wald-Dünen-Landschaft, die sich zwar als recht strapaziös darstellen sollte, wir aber dennoch durch die Aussichten belohnt wurden. Wir empfehlen allerdings hier nicht nur festes Schuhwerk, sondern auch ausreichend Sonnenschutzmittel und Flüssigkeit mitzunehmen!

Warum in die Ferne schweifen, wenn die Schönheit der unberührten Natur so nahe ist und Wetter sowie Landschaft eher an südlich gelegene Destinationen erinnern?


„Berlin-Döner“ ist nun mittlerweile auch auf der Promenade zu finden. Ob dies nun den typischen pommerschen oder nunmehr polnischen Gerichten entspricht, ist mehr als fraglich. Regionale Küche ist eher im Café Mistral oder auch in der ehemaligen Ferdinand-Rathke-Brauerei (heute: „Pod Stranzecha“) und in den vielen kleinen und größeren Restaurants zu finden. Wenn Sie allerdings direkt gegenüber dem Hafen in der Tawerna Portowa im Sommer speisen möchten, empfiehlt sich unbedingt eine Reservierung!

Die letzten Bildern zeigen auf, dass es sich auch in der kalten Jahreszeit lohnt, einige Tage in Stolpmünde zu verbringen. In den wärmeren Monaten ist natürlich mehr los, wer aber Einsamkeit und Stille braucht, kommt auch in der kalten Jahreszeit nicht zu kurz.


Text und Bild (sofern nicht anders angegeben): Maik Bialek